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Märchen: Alte Geschichten aus der Goldgasse

Aktualisiert: 16. Mai



Die Goldgasse befand sich am Rande einer kleinen Stadt. Dort lebte ein reicher und gieriger Kaufmann. Sein Haus war schön und prächtig. Seine Geschäfte gingen gut und er war ausgesprochen wohlhabend. Auf andere Leute sah er verächtlich herab, besonders auf die Armen.

Nun wohnte genau gegenüber - mehr schlecht als recht - in einem kleinen, unscheinbaren Haus ein Ehepaar und bei ihnen lebte das Elend. Das Elend hatte eine magere, düstere Gestalt und boshaft war es obendrein. Es saß ganz nah beim Herd und ließ die Flammen im Ofen nie groß werden. So kam es, dass es niemals warm und gemütlich im Haus wurde. Das Elend saß auch mit am Tisch und hauchte die Speisen an. Deshalb schmeckte das wenige Essen fad und das Brot war schliff. Das Schlimmste aber war, dass sich das Elend zwischen den Mann und die Frau ins Bett legte. Da kehrten sie einander den Rücken zu und jeder lag allein unter seiner Decke und zitterte vor Kälte.

Eines Tages sprach die Frau: „Unser Leben wäre gar nicht so übel, wenn das Elend nicht hier wohnen würde. Sag, lieber Mann, hast du nicht eine Idee, wie wir es aus dem Haus bringen können?“ Da dachte der Mann eine ganze Weile stumm nach. Plötzlich aber lief er hinten zur Tür hinaus und kramte im Schuppen. Es polterte und dann kam er heraus mit einem Brett und einer Handvoll hölzernen Keilen. Er rief seine Frau und sie liefen in den Wald. Als sie nun eine ganze Weile gegangen waren, wandte er sich um und sah, dass das Elend ihnen folgte. Der Mann kannte einen alten, holen Baum, dort lief er hin. Als das Elend nahe genug war, dass es auch alles gut hören konnte, sprach der Mann mit lauter Stimme zu seiner Frau: „Ich halte das nicht mehr aus und ich will keinen Tag mehr länger mit diesem Elend leben. Nun werde ich mich hier in diesem holen Baumstamm verstecken, dann kann es nie mehr zu mir. Du musst das Brett so fest davor verkeilen, dass es das Elend fernhält.“

„So werde ich es tun, lieber Mann!“, sprach die Frau und zwinkerte dem Mann zu. Sie hatte verstanden, was er vorhatte. Dem Elend gefiel es ganz und gar nicht, dass der Mann sich ihm entziehen wollte. Schnell schlüpfte es im letzten Moment mit in den holen Baum, sogleich sprang der Mann zur anderen Seite heraus und der Mann und die Frau stemmten sich von außen gegen das Brett. Dann schlug der Mann die Keile fest und als das geschehen war, schauten sich die beiden an und lachten zum ersten Mal seit langer Zeit. Hand in Hand liefen sie heimwärts und denkt euch nur, von da an brannte das Feuer im Ofen und wärmte das Häuschen. Die Speisen waren köstlich, die beiden hielten sich nachts einander warm und schliefen gut. Hinterm Haus im kleinen Garten wuchs Gemüse, die Hühner legten fleißig Eier und die Frau sang fröhliche Lieder, wenn sie im Haus arbeitete.

Der Mann fürchtete sich nach wie vor, dass das Elend eines Tages zurückkehren würde. Deshalb ging er Woche für Woche zum Baum und klopfte die Keile schön fest.

Der reiche Nachbar hatte längst beobachtet, dass in dem kleinen Häuschen Wohlstand eingezogen war. Gierig murmelte er: „Da stimmt doch was nicht! Die beiden müssen einen Schatz gefunden haben, jede Woche läuft der Mann in den Wald. Ich will ihm mal nachschleichen. Dieser Schatz soll nicht nur ihm gehören!“

Und so kam es, dass der gierige Nachbar dem Mann in einiger Entfernung folgte. Heimlich beobachtete der Kaufmann, wie der Mann sich an dem Baum zu schaffen machte. „Haha, das muss das Versteck sein“, freute er sich. Still blieb er im Gebüsch, bis der Mann gegangen war. Dann lief er zum holen Baum, löste die Keile und entfernte das Brett. Da kam das Elend heraus und wurde immer größer. Es tanzte um den Reichen herum, küsste und umarmte ihn und rief in seiner Freude: „Danke, dass du mich aus diesem Gefängnis befreit hast. Für immer will ich bei dir bleiben, ich werde dir treu sein und mich gut um dich kümmern.“ Und so war es! Von diesem Tage an wohnte das Elend im Haus des gierigen Kaufmanns, denn auch die Reichen sind vor dem Elend niemals ganz sicher. Was sich dann alles zutrug, ist eine andere Geschichte.

Der Mann aber lebte mit seiner Frau zufrieden und glücklich, denn das Elend machte vor lauter Angst einen großen Bogen um die beiden. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Wir danken der Märchenerzählerin Katrin Bamberg von Spinnradmärchen aus Willstätt herzlich für diese tolle Erzählfassung.